Am Pranger!

Schande über uns – über die (fast) ganze Veranstaltungsbranche, über unser Festival-Büro, über unsere geliebten Helfer*innen und über das Verhalten (vieler) unserer Besucher*innen. Eine kritische Selbstreflexion rund ums Thema Ökologie an den Winterthurer Musikfestwochen.

 

Logisch: Als nicht-gewinnorientiertes Festival wollen wir die besten Bands der Welt mit dem Velo in die Altstadt fahren, Kultur in unserem 9-tägigen kostenlosen Programm allen Bevölkerungsschichten zugänglich machen und uns dafür einsetzen, dass sich alle zuhause verpflegen, damit wir keinen Abfall produzieren. Wir wollen Haltung einnehmen und vorleben, was wir uns selber von der Gesellschaft wünschen. Nämlich soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit. Dass das in Realität nicht immer ganz so gut funktioniert, hat verschiedene Gründe: Geld, Zeit, Wissen, Wille, Mut, Kommunikation, Transparenz, Sensibilität, Bereitschaft zum Verzicht und Solidarität gegenüber Schwächeren. Ein paar Fails im Überblick:

 

Wir trinken unseren Kaffee nicht mehr aus Einwegbechern, fliegen aber Bands für ein Wochenende von Berlin ein.

Beginnen wir mit dem Thema Mobilität. 96% unserer Besucher*innen kommen mit den ÖV. Wir erhalten dieses Jahr einen Elektro-Lieferwagen und Hybrid-Sprinter für unser Infra-Team und fahren kurze Strecken mit wenig Bagage seit 2017 mit sogenannten Carvelos. Eine vordergründig sehr gute Bilanz, wenn man verschweigt, dass Bands für einen einzigen Gig in die Schweiz geflogen werden. Es sind nicht viele, über 50% unserer Slots vergeben wir aus Überzeugung an Schweizer Musikschaffende. Und wir achten auch darauf, vor allem Bands zu buchen, die auf Tour sind. Trotzdem: 2018 flogen wir 9 Acts (90 Personen) mit dem Flugzeug ein, alle aus England oder einer Stadt auf dem europäischen Festland. Das ist ein Entscheid für die Qualität und im weiteren Sinne für die Ökonomie. Wir glauben, dass unser Überleben davon abhängt. Das ist nicht ökologisch. Dafür die Wahrheit. Um diesen unökologischen Entscheid ein wenig abzumildern, konnten wir 2019 erstmalig einen privaten Spender dafür gewinnen, die CO2-Flugkilometer der ausländischen Künstler*innen durch die Förderung von Klimaschutzprojekten zu kompensieren. Langfristiges Ziel sollte es aber natürlich sein, noch weniger CO2 zu produzieren. Denn Kompensation hin oder her: ist das CO2 erstmal in der Luft, bleibt es dort auch.

 

Wir sind abhängig vom Konsum.

Kommen wir zum leidigen Thema Konsum: Am ökologischsten wäre es zweifellos, wenn alle unsere Besucher*innen ihre eigenen Flaschen am Brunnen mit Wasser füllen würden. Der Haken: Dieses Szenario ist unser Untergang. Abgesehen davon, dass wir selber nichts gegen ein kühles Bier einzuwenden haben, ist es so, dass wir über ein Drittel des Festivals – vor allem die 9 Tage kostenloses Programm – mit eurem Hunger und Durst finanzieren. Das macht uns bestrebt, Angebote gegen Hunger und Durst optimal auf dem Gelände zu platzieren. Deswegen dürfen seit diesem Jahr keine Fremdgetränke mehr mit aufs Festivalgelände genommen werden – worunter auch eure Mehrwegflaschen fallen. Das hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass wir darauf angewiesen sind, dass ihr eure Getränke auf dem Festivalgelände kauft; auch das Sicherheitskonzept gegenüber den Bands auf der Bühne verpflichtet uns dazu. Und seien wir mal ehrlich: ein frisch gezapftes Bier von der OnThur-Bar schmeckt um Längen besser als die schale Brühe in der mitgebrachten Mehrwegflasche. Ja, das kostet ein paar Stutz mehr als das Bier aus dem Supermarkt – dafür hilft jeder verkaufte Teller und jedes Getränk uns dabei, Kultur für alle möglich zu machen.

 

Vegetarisches Angebot = weniger Fleischverzehr?

So, zurück zum Konsumangebot. Vor wenigen Jahren haben wir unser Gastroangebot umgestellt und unser Angebot durch die Schlemmerei, einen Bau mit rund 10 Kleinküchen im Bauch, ergänzt. Ein Essenshäusschen bekommt nur, wer mit Schweizer Fleisch kocht, vegetarische Mahlzeiten im Angebot hat und gewillt ist, mit unserem Mehrweggeschirr zu arbeiten. Komplett vegetarische Stände und nachhaltige Konzepte werden bei der Auswahl bevorzugt. Trotz markanter Erhöhung des vegetarischen und veganen Angebots ist der Verkauf von Wurst und Hamburgern aber keineswegs eingebrochen. Auch die wenigen praktischen Convenience-Produkte, die wir nach wie vor anbieten, bleiben beliebt. Es wird unter dem Strich einfach mehr Essen auf dem Gelände verkauft. Gerade beim Thema Fleisch scheint die persönliche Betroffenheit gross zu sein. Diskussionen zum Thema Sortimentsgestaltung verlaufen innerhalb des OKs sehr emotional. Die anhaltende Fokussierung auf fleischhaltige Mahlzeiten spüren wir auch in unserer Helfer*innen-Küche. Mit dem Vegitag in der Helfer*innen-Area wollten sich viele von uns (über 800 Helfer*innen) nicht anfreunden, im Backstage gibt es nicht weniger Aufschnitt auf den Band-Plättli wie früher und im Büro trinken wir immer noch Kohlensäure-Wasser aus PET-Flaschen (Update = Flaschen im Büro gibt es nicht mehr, die Helfer*innen-Küche baut das Vegi-Angebot dieses Jahr aus und Aufschnitt auf den Plättli im Backstage gibt es neu nur noch, wenn das explizit gewünscht wird). Es gibt noch Luft nach oben!

 

Kurze Transportwege – meistens…

Auch in den Bereichen Infrastruktur, Deko und Merchandise bleibt das Schwert ein zweischneidiges. Wir produzieren und beziehen traditionell so viel wie möglich regional, um die Transportwege kurz zu halten und das lokale Gewerbe zu unterstützen (Getränke, Essen, Plakate, Flyer, Container, Gitter…). Wir wissen hier, dass wir vergleichsweise gut abschneiden. Aber gut ist immer relativ. Es werden nach wie vor Teile der Bühnentechnik durch die ganze Schweiz gefahren – und die Geländeblachen (wir haben viele davon) zum Beispiel, lassen wir in Deutschland produzieren, weil der Preisunterschied einfach zu gross ist.

Nicht besser macht das Ganze, dass wir uns bis anhin nicht dazu durchringen konnten, nicht mehr jedes Jahr neue Blachen zu produzieren, die zum Artwork (das ist traditionellerweise seit 40 Jahren jedes Jahr ein komplett anderes) passen. Dies, weil wir glauben, dass unser schönes Gelände seinen Teil dazu beiträgt, dass es uns überhaupt noch gibt. Es ist darum schon fast lustig, wenn wir damit werben, die Blachen und Teile der Deko nach dem Festival zu verschenken – und ein Blachensack-Schnittmuster auf unserer Webseite bereitzustellen. Das ist nett, freut alle Schnäppchenjägerinnen und Handarbeitslehrer in der Region und trägt zur Sensibilisierung des Themas Ökologie bei (darum machen wir es). Mehr aber auch nicht (Update = Das Brühlgut-Stiftungs-Team wird Blachen weiterverarbeiten – Freude!).

 

Wer das Wort Sustainability kennt, ist nachhaltig

Und auch der Fakt, dass wir Promo-Verteilaktionen von Billig-Einweg-Artikeln auf dem Festivalgelände schon lange ablehnen und unser eigenes Merchandise-und-Giveaway-Angebot eher reduziert halten, macht hier den Braten nicht feiss. Wir verkaufen weiterhin Shirts, Pullis, Caps und Mehrwegtrinkhalme an Menschen, welche die Artikel vielleicht gar nicht wirklich brauchen – und sind froh um jeden Franken, den wir da einnehmen, um die Musikfestwochen in einem umkämpften Markt zu stemmen. Klar, die Shirts und Pullis genügen alle einem Mindest-Produktionsstandard (mindestens Ökotex, alle Shirts und die Pullis sind aus Bio-Baumwolle), bei Accessoires sind Herkunft und Produktionsstandards leider nach wie vor oft schlecht ausgewiesen. Wir haben trotzdem das eine oder andere Accessoire im Sortiment. Man kann sich dann schon schönreden, dass es theoretisch auch sein könnte, dass es in Österreich hergestellt wurde. Genau so wie man sich einreden kann, dass eine Modekette, die das Thema „Sustainability“ auf ihrer Webseite beackert, nachhaltig produziert.

Unser Fazit: Wir wollen uns in Zukunft noch mehr an der eigenen Nase nehmen und besser werden, wo wir es ökonomisch irgendwie hinkriegen. Und wir freuen uns über alle Besucher*innen, die mithelfen, nachhaltige Festivals so schnell wie möglich zur Selbstverständlichkeit zu machen.

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