Ein Blick auf die Musikbranche

Die Musikbranche ist nicht immer lustig. Aber sehr spannend. Unser Blick hinter die Kulissen des Musikbranchenjahrs 2018.

Dies vorweg: Die Kosten in der Festival- und Veranstaltungsbranche steigen weiter. Gleichzeitig ist der Markt gesättigt, einige Festivals werden in den nächsten Jahren verschwinden. Wir wollen und werden nicht dazu gehören und unsere Unabhängigkeit und Eigenständigkeit wahren, auch wenn unsere finanziellen Möglichkeiten im Gegensatz zu anderen Openairs keine grossen sind. Wir sind überzeugt, dass unsere Besucherinnen und Besucher in Zeiten von Monopolisierungen, Sponsoringflut sowie ökologischen und sozialen Herausforderungen als kritische Konsumentinnen und Beobachter Haltung einnehmen und sich überlegen werden, welche Festivals sie in Zukunft besuchen und unterstützen werden. Wie es uns allgemein so geht und wohin wir möchten, liest du in unserem Leitbild und in unserem ausführlichen Jahresbericht 2018. Hier ein paar Worte zur Festivalbranche im Allgemeinen:

GUTE SAISON, MEHR FESTIVALS, AKTIVER OSTEN

Sorgten in den letzten beiden Jahren europaweit vor allem Wetterextreme und Sicherheitsrisiken für Kopfzerbrechen und Existenzängste, profitierten 2018 viele Festivals finanziell von den sommerlichen Temperaturen. Insgesamt hat sich die Anzahl Festivals in Europa noch einmal erhöht, vor allem im Osten. Aber auch in Übersee: Der Festivalmarkt in den USA hat an Bedeutung gewonnen. Das führt dazu, dass viele Bands die eine Hälfte des Sommers in Europa und die andere in den Staaten touren – und damit weniger verfügbar sind.

GAGENENTWICKLUNGEN

Anhaltend zuoberst auf dem Veranstaltungs-Sorgenbarometer: die Überhitzung des Veranstaltermarktes und die damit zusammenhängende Explosion der Bandgagen über das Ganze gesehen. Unsere Einschätzung dazu: Die sogenannten Cash Cows, die grossen und seit Jahren etablierten Bands, haben ihren Gagenzenit erreicht, fordern diesen aber Jahr für Jahr auch unabhängig von der Exklusivität ein. Neuere grosse Bands, deren Wachstum noch nicht voll ausgeschöpft zu sein scheint, verteuern sich nach wie vor überproportional.

BREITES MITTELFELD STATT WENIGE HEADLINER

Im Headlinerbereich wichen grosse Festivals 2018 wie auch schon im Vorjahr vermehrt auf ein breites Mittelfeld aus, anstatt das ganze Geld in einen überteuerten Act zu stecken. Die kurzfristige Folge: Auch wir weichen auf kleinere Bands aus und bezahlen mehr für die Headliner. Mittelfristig ist klar: Eine nachhaltige Positionierung über grosse Namen ist mit unserem Budget und unserer Kapazität nicht mehr möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass auch bei den Bands, die gerade auf dem Sprung zur grossen Bekanntheit sind, eine ökonomisch nicht rational begründbare Verteuerung feststellbar ist. Ihre Ansprüche verdoppeln sich im Vergleich zu vor zwei Jahren nahezu. Für unser Programm bedeutet das, dass wir auch im kostenlosen Programm vermehrt bewusste Akzente setzen müssen.

TICKETPREISE UND SÄTTIGUNG DES SCHWEIZER MARKTS

Zusammen mit den Bandgagen stiegen in den letzten Jahren auch die Ticketpreise – gemäss einer Auswertung der grössten Schweizer Festivals durch das Schweizer Fernsehen in den letzten 10 Jahren um über 30 Prozent. Für Dreitagespässe des Open Air St. Gallen und des Openair Frauenfeld bezahlt man heute sogar das Doppelte. Bei den Musikfestwochen sind die Ticketpreise in den letzten 5 Jahren um knapp 10 Prozent gestiegen. Auch interessant: Waren das Gurten oder auch das St. Galler in den Vorjahren bereits monatelang im Voraus ausverkauft, blieben die Festivals 2018 gemäss SRF auf den Tickets sitzen. Auch grosse deutsche Festivals wie das Southside oder Rock am Ring mussten Besucherrückgänge verbuchen.

DIGITALISIERUNG

Der Schweizer Branchenverband SMPA bestätigt, dass der Konzertmarkt auf hohem Niveau stagniert. In den letzten zehn Jahren stieg der Umsatz im Schweizer Markt kontinuierlich um fast die Hälfte an. Halbiert haben sich in dieser Zeit die Einnahmen mit CDs, Downloads und Schallplatten. Vor gut zwei Jahren wurde hier immerhin der freie Fall gebremst – dank guten Streaming-Zahlen. Kleiner Exkurs: 2018 wurde in Deutschland erstmals mit Streaming mehr Geld eingenommen als durch den Verkauf von CDs. An vorderster Front verantwortlich dafür ist Spotify. Das erfolgreichste Streamingunternehmen der Welt wagte 2018 den Gang an die New Yorker Börse.

LIVE NATION KAUFT MAINLAND

Weiter auf Einkaufstour waren 2018 globale Player wie der US-Riese Live Nation. Nach Aufkauf des Openair Frauenfeld 2017 kündigte Live Nation 2018 die Übernahme der Schweizer Konzertagentur Mainland per Januar 2019 an. Mainland bucht die internationalen Bands für das Open Air Gampel oder das Showcase-Festival M4Music und tritt selber (ähnlich wie Gadget und JustBecause) vermehrt als Veranstalterin von grösseren Shows auf – unter anderem in der neuen Samsung Hall in Dübendorf, welche die Musikfestwochen örtlich und kapazitätsmässig (5000) konkurrenziert.

KONZERTKONZENTRATION IN ZÜRICH

Diese Doppelerolle der Agenturen verknappt das Angebot und reduziert die Exklusivität für Sommerfestivals merklich. Generell ist es gemäss unserer Booking-Abteilung fast unmöglich geworden, einen Act für die Musikfestwochen zu buchen, der nicht im Frühling oder Herbst auch in Zürich spielt. Die Übernahme von Mainlaind tangiert uns aktuell nicht entscheidend, da Live Nation abgesehen vom Gampel – zu welchem wir ein sehr kooperatives Verhältnis haben – noch kein Popkultur-Festival in der Schweiz veranstaltet und uns diesbezüglich praktisch keine Acts vorenthalten werden. Stärker spüren wir zum Beispiel die Dominanz des deutschen Riesen FKP Scorpio, der das Greenfield Festival veranstaltet. Wir haben praktisch keine Chance, eine Band zu buchen, die bereits beim Greenfield unterschrieben hat.

NOBILLAG, GENDER-EQUALITY UND RESTRIKTIVE DEZIBELVORGABEN

Für Gesprächsstoff in der Branche sorgten in der Schweiz auch die NoBillag-Initiative und die vom Bundesamt für Gesundheit geplante Verschärfung der im europäischen Vergleich bereits heute restriktiven Schall- und Laserverordnung. Nach einer Branchenanhörung in Bern krebste das BAG schliesslich zurück. International Schlagzeilen machte die Keychange-Initiative der britischen Musikförderungs-Plattform PRS Foundation. Das Ziel: bis 2022 bei möglichst vielen Festivals für ausgeglichene Geschlechterverhältnisse auf der Bühne zu sorgen. Unterschrieben haben rund 50 Festivals weltweit, darunter die Showcase Festivals Reeperbahn (Hamburg) und Eurosonic (Noorderslag) und unsere Freundinnen und Freunde vom B-Sides Festival. Auch wir investierten mehr Zeit, um uns zu verbessern. Gemäss Helvetiarockt (Koordinationsstelle für Musikerinnen) ist aktuell eine 30-Prozent-Quote realistisch, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen. Wir landeten 2018 bei 32 Prozent und werden auch in Zukunft Geld und Zeit für dieses uns und gesellschaftlich wichtige Thema investieren.

Wir sind transparent: Mehr Zahlen, Fakten und Gedanken zu den Musikfestwochen findest du in unserem Jahresbericht. Mehr zum Verein Winterthurer Musikfestwochen gibt es hier. Und hier findest du Hintergrund zum Thema Musikfestwochen und Ökologie.